Sexualität als Betätigung - warum sexuelle Betätigung in die Ergotherapie Fortbildung gehört
- Katja @ coitoergosum

- vor 6 Tagen
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Aktualisiert: vor 4 Tagen
Wenn wir in der Ergotherapie über die sogenannten Aktivitäten des täglichen Lebens (ADL) sprechen, denken die meisten Menschen zunächst an grundlegende Dinge: sich anziehen, die Körperpflege erledigen, einkaufen gehen oder selbstständig Zeit im Freien verbringen. Diese Tätigkeiten gelten als essenziell für ein selbstbestimmtes Leben - wer sie schon mal nicht ausführen konnte, weiß wie schwerwiegend das ist.
Doch ein zentraler Bereich wird dabei häufig übersehen oder bewusst ausgeklammert: Sexualität und Intimität. Dabei gehört Sexualität ebenso selbstverständlich zu den Aktivitäten des täglichen Lebens wie das Zähneputzen oder ein Spaziergang in der Sonne. Sie ist kein Luxus, keine optionale Ergänzung — sondern ein grundlegender Bestandteil menschlicher Existenz.
In diesem Beitrag erkläre ich, warum Sexualität in der Ergotherapie nicht länger ein Randthema sein darf, was die Forschung dazu sagt, und wie du als Therapeut:in einen professionellen Umgang damit entwickeln kannst.

Sexualität und Ergotherapie: Was sagt die Fachliteratur?
Die Verknüpfung von sexueller Gesundheit und ergotherapeutischer Praxis ist keine neue Idee — sie ist wissenschaftlich gut belegt. Forschungsergebnisse zeigen, dass Sexualität eng mit Gesundheit und Wohlbefinden verknüpft ist und einen wichtigen Einfluss auf die Lebensqualität hat (Consoli & Herzog, 2024; Lötscher & Stauber, 2017).
Die American Occupational Therapy Association (AOTA) listet Sexualaktivität explizit als Bereich der Aktivitäten des täglichen Lebens auf — und das bereits seit Jahrzehnten. Auch der World Federation of Occupational Therapists (WFOT) betont in seinen Grundsätzen, dass ganzheitliche ergotherapeutische Versorgung die sexuelle Gesundheit einschließen muss.
Sexualität umfasst dabei weit mehr als den körperlichen Akt. Sie beinhaltet emotionale Nähe und Intimität, Identität und Selbstwahrnehmung, zwischenmenschliche Beziehungen, Körperbild und Selbstwirksamkeit sowie den Ausdruck von Zuneigung, Vertrauen und Verbundenheit. All das sind Bereiche, in denen Ergotherapeut:innen täglich arbeiten — nur eben meist ohne das Wort „Sexualität” explizit zu benennen.

Sexualität in der Ergotherapie: Warum das Thema so lange tabu war
Gerade in einer Gesellschaft, die stark auf Leistungsfähigkeit und Funktionalität ausgerichtet ist, wird Sexualität oft auf einen privaten oder sogar tabuisierten Bereich reduziert. In Gesundheitsberufen kommt hinzu, dass Aus- und Weiterbildungen das Thema jahrzehntelang weitgehend ausgespart haben. Das Ergebnis: Pflegekräfte, Therapeut:innen und Angehörige fühlen sich häufig unsicher oder unvorbereitet, wenn Patient:innen oder Klient:innen sexuelle Bedürfnisse ansprechen.
Gleichzeitig trauen sich Betroffene oft nicht, ihre Bedürfnisse überhaupt zu äußern.
Diese gegenseitige Sprachlosigkeit hat konkrete Folgen. Während Unterstützung beim Anziehen oder bei der Körperpflege selbstverständlich organisiert wird, fehlt es in der Praxis oft an Sensibilität und Offenheit im Umgang mit intimen Bedürfnissen. Ein wesentlicher Teil der Lebensqualität wird dadurch systematisch übergangen.
Besonders betroffen sind Menschen, die in ihrer Selbstständigkeit eingeschränkt sind — durch chronische Erkrankung, Behinderung, neurologische Veränderungen oder Alter. Ihre sexuellen Bedürfnisse werden besonders häufig übersehen oder nicht ernst genommen.
Sexuelle Gesundheit als Teil der ergotherapeutischen Praxis
Um Sexualität als Teil der ADL anzuerkennen und professionell zu adressieren, braucht es einen bewussten Perspektivwechsel — und konkrete Kompetenzen. Das bedeutet in der Praxis:
Sexualität als legitimen Bestandteil von Gesundheit verstehen. Nicht als Bonus oder Sonderthema, sondern als festen Bestandteil des ergotherapeutischen Assessments und der Zielformulierung.
Offene Gespräche ermöglichen. Dafür braucht es Sprache, Haltung und klare Gesprächsöffner. Nicht jede:r Klient:in wird das Thema von sich aus ansprechen — aber viele würden es begrüßen, wenn du es tust.
Individuelle Bedürfnisse ernst nehmen. Unabhängig von Alter, körperlicher Verfassung, Behinderung, sexueller Orientierung oder Geschlechtsidentität. Sexualität ist kein Privileg bestimmter Gruppen.
Fachkompetenz aufbauen. Es reicht nicht, das Thema „irgendwie” anzusprechen. Ein professioneller Umgang mit sexueller Gesundheit erfordert Wissen über Sexualität, Kommunikationsstrategien und ethische Grundlagen — genau das, was strukturierte Fortbildungen für Ergotherapeut:innen vermitteln.
Ein Praxisbeispiel: Wenn Sexualität nicht angesprochen wird
Stell dir eine 54-jährige Frau vor, die nach einem Schlaganfall Ergotherapie verordnet kriegt. Der Fokus liegt auf Alltagshandlungen, Feinmotorik und häuslicher Selbstständigkeit. Was nicht besprochen wird: Sie lebt in einer Partnerschaft, hat seit dem Schlaganfall große Unsicherheiten bezüglich ihrer körperlichen Intimität — und niemand aus dem Behandlungsteam hat das Thema je angesprochen.
Dabei wären genau hier ergotherapeutische Interventionen möglich: Beratung zu körperlichen Veränderungen und Anpassungsstrategien, Unterstützung bei der Kommunikation mit der Partnerin oder dem Partner, Stärkung von Körperbild und Selbstwirksamkeit.
Sexualität ist hier kein „Extra” — sie ist Teil der Rehabilitation. Und ihr Fehlen in der Behandlung ist keine Neutralität, sondern eine Lücke.

Häufige Fragen von Therapeut:innen zum Thema Sexualität
„Ist das wirklich meine Aufgabe als Ergotherapeutin?”
Ja — laut AOTA, WFOT, DVE e.V. und BED e.V. und einer wachsenden Zahl internationaler Fachpublikationen gehört sexuelle Gesundheit zum ergotherapeutischen Kompetenzbereich.
Die Frage ist nicht ob, sondern wie.
„Was, wenn ich mich dabei unwohl fühle?”
Das ist ein sehr verbreitetes Gefühl und kein persönliches Versagen. Es ist das Ergebnis fehlender Ausbildung. Genau deshalb gibt es spezialisierte Fortbildungen für sexuelle Gesundheit in der Ergotherapie — um diese Lücke zu schließen, fachlich und persönlich.
„Wie fange ich ein Gespräch über Sexualität in der Ergotherapie an?” Mit einem einfachen Einstieg wie: „Ein Thema, das ich gerne standardmäßig anspreche, ist das der Sexualität und Intimität — darf ich kurz erklären, warum?” Erlaubnis holen, Kontext geben, Raum öffnen. Mehr braucht es oft nicht für den ersten Schritt.
Fazit: Sexualität gehört in die Ergotherapie, sowohl Ausbildung als auch Fortbildung und in die Praxis sowieso!
Ein offener, respektvoller und professioneller Umgang mit Sexualität ist kein Nice-to-have — er ist Teil einer ganzheitlichen, evidenzbasierten Ergotherapie. Wer Sexualität aus dem therapeutischen Blick ausblendet, übersieht einen zentralen Bereich menschlicher Gesundheit und Lebensqualität.
Die gute Nachricht: Du musst das nicht alleine herausfinden. Es gibt Wissen, Methoden und Strukturen, die dir dabei helfen, dieses Thema sicher und professionell in deinen Alltag zu integrieren.
Du kannst lernen Sexualität professionell in deinen therapeutischen Alltag integrieren - mit sexpositiver Fortbildung für Ergotherapie
In der interdisziplinären Fortbildung Fachtherapeut:in für sexuelle Gesundheit lernst du genau das — gemeinsam mit Kolleg:innen aus Ergotherapie und Physiotherapie, praxisnah und zertifiziert. Die Fortbildung findet einmal jährlich in Berlin statt.

Ich bin Katja, Ergotherapeutin B.Sc. mit Fachpraxis für psychische und sexuelle Gesundheit in Berlin.
Ich begleite leidenschaftlich gern Menschen aller Identitäten und Orientierungen mit psychischen und sexuellen Herausforderungen.
Außerdem gebe ich ein Mal im Jahr die Fortbildung zum:zur Fachtherapeut:in für sexuelle Gesundheit in Berlin und freue mich, wenn auch Du den Weg in meine Praxis oder Fortbildung für Ergotherapie findest.




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