• Katja @ coitoergosum

#MeetTheScientist - Margarete Kling: Umgang mit sexueller Belästigung in der Physiotherapie


Obwohl wir in so körpernahen Berufen arbeiten, ist das Thema sexuelle Belästigung - oder genauer gesprochen: sexualisierte Gewalt - allgemein eher ein Tabu in Ausbildung und Studium. Meine Kollegin Margarete Kling nahm dies zum Anlass, ihre ganze Bachelorarbeit der Frage zu widmen, wie Physiotherapeut:innen mit sexueller Belästigung durch Patient:innen umgehen. Dabei fand sie u.a. heraus, dass (je nach Studie) 50-85 % der Physiotherapeut:innen (s.u.) Situationen erleben, die grenzwertig bis überschreitend sind.


In meiner neuen Rubrik #meetthescientist habe ich sie zu ihrer Arbeit befragt.

MAZ ab!

Wer bist Du und was machst Du?


Mein Name ist Margarete Kling und ich habe bis 2017 an der ASH und Wannseeschule Physiotherapie studiert. Inzwischen habe ich noch ein Psychologie-Studium drangehängt. Nebenbei gebe ich gelegentlich Unterricht zu sexuellen Grenzverletzungen an der Wannseeschule.

Du hast eine wissenschaftliche Arbeit über Sexualität geschrieben. Wie lautete der Titel dazu?


Wie gehen Physiotherapeut_innen mit sexueller Belästigung durch ihre Patient_innen um? – Eine Literaturarbeit zu Ursachen und Handlungsmöglichkeiten von Betroffenen.


(puh, der Titel kommt mir im Nachhinein ganz schön lang und sperrig vor!)



Wie bist Du auf Dein Thema gekommen?

Gleich in meinem ersten Praxiseinsatz im Krankenhaus erlebte ich, dass ein älterer - vermutlich dementer - Patient vor mir und meiner Kommilitonin onanierte. Wir waren total überfordert und die Situation hat mich noch eine längere Zeit beschäftigt. Auch andere Kommilitoninnen aus meinem Kurs berichteten von grenzüberschreitenden Situationen in der Therapie z.B. unangemessene Einladungen zu Dates und sexualisierten Kommentaren. Zwar wurde das Thema danach von den Lehrkräften aufgegriffen und ausführlich mit uns besprochen, allerdings hätte ich mir gewünscht, dass das nicht erst auf Bedarf geschieht, sondern wir schon im Vorfeld darauf vorbereitet werden.

In 2-3 Sätzen: was hast Du herausgefunden?

Welche Situationen und Verhaltensweisen als sexuell übergriffig eingeschätzt werden, hängt von der subjektiven Wahrnehmung ab. Hinter übergriffigem Verhalten von Patient:innen können unterschiedliche Gründe und Motive stecken:


- z.B. eine Missinterpretation der Therapiesituation

(z.B. körperlicher Kontakt, Einsamkeit aufgrund von Hospitalisierung),

- eine Enthemmung aufgrund von Erkrankungen

(z.B. Demenz oder Verletzungen des präfrontalen Kortex)

- oder auch soziokulturelle Einstellungen von Patient:innen

(Übergriffigkeit als „Machtdemonstration“).


Zudem können bestimmte Bedingungen im Arbeitsumfeld (z.B. Gibt es klare Beschwerdestrukturen? Werden Vorfälle ernst genommen?) das Risiko für Übergriffe begünstigen oder verringern.

Studien zufolge kommt sexuell übergriffiges Verhalten in der Physiotherapie (auch in anderen Gesundheitsberufen wie Pflege, Ergotherapie und Medizin) sehr oft vor und am häufigsten wird auf den Vorfall mit Ignorieren reagiert.

Gab es Überraschungen oder völlig neue Erkenntnisse für Dich?

Auf jeden Fall!

Es gibt zwar nur wenige große Studien zu dem Thema und v.a. sehr wenige aus dem deutschsprachigen Raum, aber ich war schon schockiert, wie viele der befragten Physiotherapeut_innen sexuelle Grenzverletzungen im Arbeitskontext erlebt haben (je nach Studie um die 50 – 85% der Befragten). Natürlich sind dabei „kleinere“ Grenzverletzungen – wie z.B. eine sexuelle Bemerkung – wesentlich häufiger als „schwerwiegendere“ Verhaltensweisen wie ungewollter Körperkontakt bis hin zu sexueller Nötigung. Was mich auch überrascht hat, ist, dass die männlichen Befragten in den Studien nicht unbedingt viel weniger übergriffige Situationen erlebten als die weiblichen. Allerdings gibt es einen Geschlechterunterschied dahingehend, dass Männer z.B. verbales sexualisiertes Verhalten seltener als belästigend empfinden. Woran das liegen kann, würde wahrscheinlich Stoff für eine weitere Abschlussarbeit bieten.


Leider war eine große Limitation vieler Studien, dass sie sich mit dem klassischen Rollenbild „Mann belästigt Frau“ beschäftigt haben. In den Unterrichtsstunden, die ich gelegentlich gebe, haben auch immer wieder Männer von Übergriffen durch Frauen berichtet. Ich finde, dass es da eine große Lücke gibt und auch gleichgeschlechtliche Übergriffe oder Situationen mit Frauen als Übergriffigen untersucht werden sollten.


Hat Deine Arbeit Dich in Deiner jetzigen Tätigkeit beeinflusst?

Seit meiner Abschlussarbeit gebe ich gelegentlich in einer Physio- und Ergotherapieschule eine Unterrichtsstunde, um für das Thema „sexuelle Grenzverletzungen“ zu sensibilisieren – also genau das, was ich mir in meiner Ausbildung damals gewünscht hätte. Ob sich mein Umgang mit übergriffigen Situationen im beruflichen Kontext verändert hat, kann ich schwer einschätzen, da ich derzeit nicht praktisch als Physiotherapeutin arbeite. Was mir allerdings stark auffällt, ist, dass ich in meinem privaten Umfeld eine größere Sichtbarkeit für übergriffige Situationen entwickelt habe. Ich nehme Übergriffe eher war und ziehe schneller Grenzen. Ein Interesse für das Thema ist auf jeden Fall geblieben: im Rahmen meines Studiums habe ich mich auch viel mit anderen Arten von sexuellen Grenzverletzungen z.B. sexueller Kindesmissbrauch beschäftigt.

Hast Du Empfehlungen für Therapeut:innen, die Du aus Deiner Arbeit ableiten kannst?

Ich denke nicht, dass man das Erleben von sexuellen Grenzverletzungen grundsätzlich verhindern kann. Man sollte sich auch nicht zu viel Druck machen, dass man direkt in der Situation schlagfertig reagieren und klare Grenzen setzen muss – meiner Erfahrung nach fühlt man sich häufig in übergriffigen Situationen überrumpelt. Ich möchte daher eher Therapeut_innen ermutigen, ihrem Bauchgefühl bei der Einschätzung von Situationen zu vertrauen und wenn der Vorfall einem noch nachgeht – auch im Nachhinein – das Gespräch mit Patient_innen und ggf. mit Kolleg_innen und Vorgesetzten zu suchen. Scheut euch nicht, grenzüberschreitende Erlebnisse – nur weil sie eine sexuelle Komponente haben – offen anzusprechen.

Was würdest Du Dir für die Zukunft wünschen?

Mehr Sichtbarkeit und Sensibilisierung für sexuelle Übergriffe! Und, dass an allen Arbeitsplätzen eine aufgeklärte Atmosphäre herrscht, in der Vorfälle von sexueller Grenzverletzung angesprochen werden können und (von Vorgesetzten) ernst genommen werden.



Vielen Dank für das Interview, liebe Margarete!


#meetthescientist Hier führe ich Interviews mit interessanten Autor:innen, die wissenschaftlicher Arbeiten rund um das Thema Sexualität veröffentlich haben.


Damit diese nicht in den Schubladen der Uni-Bibliotheken verstauben, sondern noch mehr Sinn stiften als ohnehin schon, stelle ich sie Euch hier vor :)


Du kennst jemanden, der:die eine wissenschaftliche Arbeit zum Thema Sexualität geschrieben hat? Dann melde Dich bei mir - ich stelle sie bald vor!