• Katja @ coitoergosum

Sexuelle Bedürfnisse kennen keine Altersgrenze - Über Sexualität im Alter.

Kürzlich philosophierten meine Neffen auf dem Rücksitz darüber, ob ihre Tante überhaupt

noch Kinder kriegen könne. Mein 8-jähriger Neffe war der Überzeugung, ich sei viel zu alt dafür, der 5-Jährige wiederum, ich sehe doch noch super aus und könne sicher noch ein paar bekommen (Danke Emil, auf Dich ist Verlass!). Ich war irgendwas zwischen deprimiert und hoffnungsvoll, aber vor allem fiel mir mal wieder auf: Alter ist sowas von relativ.

Keine Altersgruppe ist so heterogen wie die der über 50-Jährigen. Das lernte ich bereits in einer meiner ersten Psychologie-Vorlesungen im Studium. Heterogen meint in diesem Fall, dass die Eigenschaften und Bedürfnisse sehr individuell unterschiedlich sind. Manche sind bereits verstorben, andere pflegebedürftig und wiederum andere laufen Marathon oder arbeiten Vollzeit und haben ein sehr aktives Freizeitleben.

Über Sexualität haben wir in den Vorlesungen damals leider nicht gesprochen,

sondern eher über Entwicklungsstörungen, Krankheiten und Aktivitäten im Alltag (ADL). Das sind alles relevante Themen. Heute möchte ich gern die Erweiterung der sexuellen Aktivitäten nachholen. Schließlich geben über 50 Prozent der befragten Menschen im Alter über 70 Jahren an, noch sexuell aktiv zu sein (je nach Studie variieren die Angaben.


"Im Erleben von Gefühlen, wie Intimität und Geborgenheit, gibt es zwischen Jung und Alt jedoch nur geringe Unterschiede. Das zeigen die Ergebnisse der Studie. Besonders interessant dabei ist, dass psychosoziale Faktoren für die Sexualität der älteren Studienteilnehmer insgesamt eine größere Rolle spielten als körperliche" (Quelle: HU Berlin)

Klar ist: im Alter verändert sich die Sexualität. Meist durch äußere Ereignisse wie hormonelle Einflüsse, Krankheit oder den Verlust des Partners. Alles Dinge, die man nicht so wirklich in der Hand hat. Viel zu oft haben diese externen Einflüsse zur Folge, dass Menschen gar keine Sexualität mehr leben (die Betonung liegt auf LEBEN - HABEN häufig sehrwohl).



Hinzu kommt eine sehr große Dunkelziffer an Menschen, die schon gerne wollen, aber nicht können - weil sie eben nicht dürfen.


Wie das geht, nicht zu dürfen?! Ganz einfach: Leben ältere Menschen in Einrichtungen, weil sie aufgrund von Krankheit oder einem erheblichen Verlust an Selbstständigkeit auf Hilfe angewiesen sind, wird Ihnen die Sexualität häufig abgesprochen.


Doch mit dem Umzug ins Seniorenheim packt doch die Sexualität nicht ihre Koffer und sagt adieu!

Und auch ohne diesen Umzug: allein durch den Tod eines Partners kann sich die Sexualität stark verändern, wenn man - wie eben in den vorangegangenen Generationen - noch stark monogam lebt. In diesen Fällen kann bspw. eine Sexualbegleitung eine Lösung sein.


Wir werden als sexuelle Wesen geboren - und wir verlassen die Welt auch als sexuelle Wesen.

Vielleicht verändert sich unser Bedürfnis nach Sexualität und wir wünschen uns mehr Nähe und Zärtlichkeit anstelle von Penetration oder Oralverkehr (mal angenommen, es ging jemals nur darum). Aber eins bleibt: das Bedürfnis nach Nähe, Intimität und Zärtlichkeit.

Und wird im Zweifel durch Erkrankungen wie Demenz noch stärker, wenn die Ratio sich scheinbar immer weiter auflöst und nur noch die Emotionen im Vordergrund stehen.


Dann haben wir es plötzlich mit Menschen zu tun, die ihre Sexualität sehr enthemmt einfordern oder ausleben (wollen). Dies sind valide Bedürfnisse und für Betroffene in Pflegeeinrichtungen ist es sehr wichtig, dass diesen Bedürfnissen Raum gegeben wird. Darüber lachen, es Wegschweigen, diejenigen ausschimpfen oder gar anschreien wird die Bedürfnisse dieser Menschen nicht auslöschen.


Daher wünsche ich mir einen offeneren Diskurs über sexuelle Bedürfnisse im Alter. Um diesen anzuregen, habe ich mit Gabriele Paulsen von Nessita eine Podcastfolge über das Thema Sexualität im Alter samt entsprechender Sexualbegleitung aufgenommen. Hör doch mal rein, es war ein unheimlich gutes wie anregendes Gespräch!