• Katja @ coitoergosum

Praxiseröffnung: Von digital auf analog.


Waren im Frühjahr noch alle Weichen auf Digitale Ergotherapie gestellt, so sorgte im März 2022 eine kurzfristige Änderung der Gesetzlichen Krankenversicherungen für eine Neuerung: Ich stellte meine Digitale Praxis auf Analog um und biete nun Ergotherapie mit Spezialisierung auf Psychosomatik, Psychiatrie & Sexuelle Gesundheit vor Ort an.


Aber nochmal alles auf Anfang: im Oktober 2021 teilte der G-BA in einer Pressemitteilung mit, dass die bisher aufgrund von Corona-Sonderregelungen stattgefundene Ergotherapie ab April 2022 in reguläre Heilmittelversorgung übernommen würde. All das natürlich unter gut ausformulierten Rahmenbedingungen, welche die Gesetzlichen Krankenversicherungen mit unseren Berufsverbänden aushandeln sollten. Behandelnde Therapeut:innen waren optimistisch und auch zuversichtlich, unter guten Bedingungen auch digitale Therapien anbieten zu können, nahmen therapiebedürftige Klient:innen auf und begonnen therapeutische Prozesse.

 

Leider kam es nun doch anders als angekündigt: die GKV konnten zu keiner Einigung mit den Fordernden des BED e.V. sowie DVE e.V. kommen und so wurde sehr kurzfristig bekannt gegeben. Zum 18.03. wurde seitens des Berufsverbandes BED e.V. erstmals kommuniziert, dass ein lückenloser Übergang der Videotherapie in die Regelversorgung immer unwahrscheinlicher würde. Zum ersten April dann die Bestätigung über die Verteiler beider Berufsverbände: die Beteiligten konnten sich nicht einigen. Leider kein April-Scherz, sondern bittere Wahrheit. Kleine Randnotiz: Die Kolleg:innen der Physiotherapie dürfen weiterhin und regelhaft Digitaltherapie anbieten, für die Logopädie und Ergotherapie ist es untersagt.

 

Dies war für behandelnde Therapeut:innen sowie betroffene Klient:innen durchaus ein Schock. So war doch auch ein Vorteil der Digitalen Therapie, dass diese nicht

örtlich begrenzt war und auch Menschen therapeutisch versorgt werden konnten, die an ihrem Wohnort unterversorgt waren.


Wir waren alle optimistisch, dass eine Ausgestaltung der Rahmenbedingungen nur noch eine Formalie wäre, mit der wir sicher gerechnet haben. Insbesondere nachdem die Meldung vom G-BA im Oktober 2021 so bindend formuliert klang. Lesson learned: Meldungen des G-BA sind nur Meldungen und erst dann verbindlich, sofern der Gesetzesentwurf auch verabschiedet wird.

Bis dahin ist es nicht mehr als eine Meldung.

 

Ich hätte mir seitens der Vertreter:innen der Gesetzlichen Krankenkassen gewünscht, sich in die Lebensrealitäten Ihrer Behandler:innen sowie zahlenden Kund:innen etwas tiefer hineinzuversetzen.

Auf unserer Seite hinterblieb nicht der Eindruck, dass sich auf der Seite viel Gedanken über die Tragweite einer solch kurzfristigen Entscheidung viel Gedanken gemacht wurde. Als selbst praktizierende Therapeutin habe ich beide Seiten im Blick: die meiner Klient:innen, denen ich sofern sie nicht aus Berlin kamen, die Therapie sehr abrupt abbrechen musste. Mit nicht einmal zwei Wochen Handlungsspielraum, der auch nur seitens des BED e.V. ermöglicht wurde und die offene Kommunikation im Verhandlungsprozess, hatte man unmöglich Zeit, laufende therapeutische Prozesse zu einem humanen Ende zu bringen.

 

Teilweise mussten Kolleg:innen und ich Prozesse abrupt beenden, die erst kurzfristig liefen und betroffene Menschen mit psychiatrischen Diagnosen froh waren, endlich therapeutische Anbindung gefunden zu haben. Andererseits war es als behandelnde Therapeutin sehr belastend, sich erst ständig auf neue Meldungen ein- und umzustellen, einer Verbindlichkeit der Pressemitteilung zu vertrauen und letztlich hier keine Verbindlichkeit zu erfahren, sondern stattdessen Stress und mangelnde Kommunikation. Für das therapeutische Arbeiten sehr schädliche Arbeitsbedingungen.


An dieser Stelle möchte ich noch erwähnen, dass mir eine gut ausgehandelte Form von Rahmen-bedingungen genauso willkommen ist, wie allen anderen Beteiligten. Das sichert unsere Versorgungsqualität und somit auch die Behandlungssicherheit für unsere Klient:innen. Ich würde mir in Zukunft wünschen, auch einmal Therapeut:innen mit an den Verhandlungstisch zu bitten,

sodass eine realistische und machbare Lösung für alle Beteiligten gefunden werden kann.

 

Das erfreuliche ist: es gibt dennoch ein Happy End. Zeitgleich kontaktierte mich meine Kollegin Julia Höpfner von Psychisch Stark und fragte, ob ich mit Ihr eine Praxiseinheit im Nöldnerkiez in Berlin Lichtenberg teilen wollte. Ich wollte! Und wir teilen seit dem 1. Mai 2022 eine Praxis für psychische und sexuelle Gesundheit.


Mehr dazu im bald erscheinenden Artikel :)