• Katja @ coitoergosum

Ist Sexualität ein relevantes Thema für die Psychiatrie? #MeetTheScientist Anna-Katharina Sorger

Es ist mal wieder Zeit für eine Runde #MeetTheScientist (tuschhhh)! Ohne große Fanfare möchte ich heute auch direkt einsteigen mit Anna-Katharina Sorger, einer engagierten Studentin aus meinem Lieblingsland Österreich. Sie hat gefragt, ob Sexualität im Kontext der Psychiatrie ein relevantes Thema ist. Ich hab da ja so eine Vorahnung...

Viel Spaß beim Lesen!

Wer bist Du und was machst Du?

Mein Name ist Anna-Katharina Sorger, ich komme aus der wunderschönen Steiermark und bin 22 Jahre alt.

Ich habe im Herbst 2020 meine Ausbildung abgeschlossen, bin also eine „frisch gebackene“ Ergotherapeutin. Momentan ist die Jobsituation eher bescheiden, aber ich helfe inzwischen bei meinen Großeltern aus und baue meinen Studentinnenjob weiter aus bis ich eine passende Stelle als Ergotherapeutin gefunden habe.




Du hast eine wissenschaftliche Arbeit über Sexualität geschrieben.

Ja, der Titel meiner literaturbasierten Arbeit lautet: Let`s talk about Sex! Sexualität als Aktivität des täglichen Lebens, ein relevantes Thema für die Ergotherapie in der Psychiatrie?


Wie bist Du auf Dein Thema gekommen?

Meine erste Bachelorarbeit habe ich zu den „Aktivtäten des täglichen Lebens“ bei Menschen mit psychischen Erkrankungen verfasst. In der Recherche ist mir ein Artikel von Le Granse & Schneider (2018) untergekommen, die Tabuisierung der Sexualität in der Ergotherapie kritisierten. Dabei ist mein innerer Rebell angesprungen, denn auch mir sind immer wieder Menschen untergekommen, die Probleme mit sich selbst und ihrer Beziehungsgestaltung etc. haben. Ich dachte mir, dass ich doch aufgrund meines eigenen Recovery Weges weiß, wie schwierig es ist, auf eigene Initiative ein gesundes „sexual-self-concept“ zu erreichen. Daraufhin habe ich mich entschlossen, eine systematische Literaturarbeit zu schreiben, um zu evaluieren welchen Beitrag die Berufsgruppe der Ergotherapeut:innen im psychiatrischen Setting leisten kann.


In 2-3 Sätzen: was hast Du herausgefunden?

Die menschliche Sexualität beinhaltet eine Reihe an bedeutungsvollen Betätigungen, die

durch die Identität und individuellen Rollen der Person gekennzeichnet sind. Durch die klient:innenzentrierte, betätigungsorientierte und ressourcenorientierte Arbeitsweise sind Ergotherapeut:innen als Expert:innen für Alltagsfragen für Probleme im Lebensbereich Sexualität wichtige Ansprechpartner, im Team und für Klient:innen. Ergotherapeut:innen können einen wesentlichen Beitrag in der Behandlung von Menschen mit psychischer Erkrankung leisten.



Gab es Überraschungen oder völlig neue Erkenntnisse für Dich?

Ich glaube meine Arbeit war die Überraschung an sich, ich habe noch nie so viele ungläubige und fragende Blicke für meine Arbeit erhalten. :b


Nein aber ehrlich, überraschend war für mich vor allem, dass Probleme im Lebensbereich Sexualität und Intimität in Österreich 40-70% der Menschen mit psychischer Erkrankung betreffen. (Bragana 2017). Neu war für mich auch, der Einfluss von Religion durch kirchlich geführte Institutionen, thematisch ein großem Einfluss auf die Versorgung von Menschen mit sexuellen Fragestellungen hat bzw. haben kann (Hyland & Mc Grath, 2013).


Any Fun Facts?

Mein Fun Fact sind Fragen, die ich bekommen habe, z.B. aus meinem persönlichen Umfeld „Also Anna, ich muss dich was fragen… Sex mit Patienten – ist das nicht illegal??“ (LG an die Familie an dieser Stelle ❤). Oder auch, dass ich an der Fachhochschule versprechen musste, eine „saubere“ Arbeit zu schreiben.


Inhaltlich ist mein persönlicher Favorit: 69% der in Österreich lebenden Menschen mit Depression leiden unter Störungen im Lebensbereich Sexualität, obwohl der Fakt an sich sehr bedenklich ist! (Bragana, 2016)


Hat Deine Arbeit Dich in Deiner jetzigen Tätigkeit beeinflusst?

Da ich noch nicht als Ergotherapeutin arbeite, kann ich dir diese Frage nur bedingt beantworten. Allerdings kann ich dir sagen, dass sich seit meiner Arbeit mein persönlichen Zugang zur Sexualität deutlich verbessert hat, ich gehe nun selbst viel offener mit dem Thema Sexualität um.


In der Arbeit mit Klient:innen würde ich jedenfalls einen offenen Dialog bevorzugen. Enttabuisierung spielt hierbei eine sehr große Rolle und ich finde man kann durch Kommunikation gut entstigmatisierend wirken.


(Überraschend schwierig ist, um ehrlich zu sein, die Kommunikation mit Arbeitgebern da diese in Bewerbungsgesprächen eher kritisch oder sogar ablehnend reagieren, wenn es um meine Bachelorarbeit geht.)


Hast Du Empfehlungen für TherapeutInnen, die Du aus Deiner Arbeit ableiten kannst?

Meine herzliche Empfehlung ist; just talk about Sex. Sexualität ist nicht dreckig und seiner individuellen Sexualität anzukommen und sich mit sich wohl zu fühlen ist für uns Menschen heilsam.


(Tipps für Ergo`s:

Grundsätzlich gibt es – wie in jedem Bereich- ein paar „do´s & dont´s“ aber um euch die Bedenken zu nehmen: Sexualität ist definitiv ein Thema das im therapeutischen Setting besprochen werden darf und laut Literatur empfinden Klient*innen ein Gespräch über den Lebensbereich der Sexualität als sehr positiv. Klar ist, denke ich, dass man Klient*innen in ihrer Rolle als Expert*in für ihren Alltag sieht und einen wertschätzenden Umgang pflegt. Ihr könnt euren Klient*innen, im Sinne des Empowerments, den Anstoß zu geben den sie vl. Brauchen, um sich mit sich und ihrer Sexualität auseinander zu setzen.


Wenn ihr das Thema Sexualität selbst (noch) nicht angehen wollt – auch in Ordnung! Aber selbst dann können, kleine Sätze, wie z.B. „bei einigen Menschen kommt es aufgrund dessen zu Problemen in der Sexualität“ oder „sollte es Probleme im Bereich Sexualität geben, kann ich Ihnen jemanden ans Herz legen“ die Barriere eurer Klient*innen verringern, an adäquate Hilfestellung zu kommen.)


Was würdest Du Dir für die Zukunft wünschen?

Mein Wunsch wäre, dass wir uns im professionellen Setting dem Thema Sexualität qualitativ hochwertig widmen – weil wir für die Einflussnahme auf die Lebensqualität unserer Klient*innen eine weitere Stellschraube (zu lockern?) haben.


(Ein erster positiver Schritt ist aber definitiv, dass sich Ergotherapeut*innen, zumindest in der Theorie, sehr wohl des gesundheitsförderlichen Wirkung einer gesunden Sexualität bewusst sind – also jetzt liegts nur noch an der Umsetzung 😊)